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Heide Grunow beschäftigt sich in ihren Gemälden mit einer kritischen Sicht auf die Landschaft, deren Motive wie auch deren Malerei zumindest in Deutschland ungewöhnlich sind. Die Bilder der Künstlerin sind von dem amerikanischen Hard-Edge-Coulour-Painting ebenso beeinflußt wie von der in Deutschland gepflogenen Variante der Signalkunst. Ihre Motive fand sie in den Vereinigten Staaten wie in Australien und auf Reisen, die letztlich Reisen in das Innere als eine Suche nach dem verlorenen Ornament geworden sind. Frau Grunow verwandelt sie mit einem charakteristisch eigenständigen Temperament im heimischen Atelier nach Bleistift- und Buntstiftskizzen, gelegentlich unterstützt von photographischen Erinnerungen, wobei sie sich meist von der zeichnerischen Verarbeitung der Skizzen zum Acrylbild vorantastet. Darum erscheint das Oberflächliche der landschaftlichen Versatzstücke so abgelöst von dem, was einen malerischen Zusammenhang erzeugt. In Wirklichkeit sind ihre Reisebilder zeichenhafte Assoziationen.

Scharf umrissene Formabstraktionen und wirkungsvolle tonale Selbstdemonstrationen der einzelnen Farben machen aus der Landschaft eine signalhaft aufleuchtende Bildformel. Dabei werden Gegensätze in Parallelität gebracht und erinnern so ein wenig an die Flaggenbilder von Jasper Jones, wenn in den Bildthemen ein gesellschaftskritisches Bewusstsein mit Signalen hervorgerufen wird. Man kann dies besonders eindrucksvoll an dem großen Acrylbild 'Ayers-Rock' demonstrieren:

  • Zwei Flaggen der Ureinwohner des Kontinentes und der von England eingedrungenen Kolonisten markieren ein deutliches Rechts und Links im Bild - ein Verteilungsschema von These und Antithese als Gliederung wird so aufgegriffen.
  • In der nächsten Bildzone erscheint Natur in Gegensatz zur Zivilisation gebracht, wenn den berühmten Felsen von Ayers Rock die eindrucksvolle Opernkulisse von Sidney gegenübergestellt wird. Kultische Verehrung auf beiden Seiten - die Oper wird zu einem Tempel und damit wird eine dennoch waltende Beziehung von Naturgebirge als archaischer Kultstätte und jener an aufgeblähte Segel erinnernde Kulisse der Architektur als Kultbau der Zivilisation erzeugt. Außerdem stellt die Künstlerin in dem von Urzeiten anwesenden statischen Urgebilde des Felsens in seiner lastenden Schwere mit der Oper eine leichte drängende, bewegende Form gegenüber, die Aggressivität und Dynamik andeutet.
  • Kritische Aussagen werden dann in einer unteren Zone durch entsprechend eingesetzte Warnzeichen vor australischem Wildwechsel in Gestalt von Känguruh und Koala westlichen Straßenverkehrszeichen gegenübergestellt. Diese Verkehrszeichen sind als Design, als eine ästhetische wie auch funktional bestimmte Abstraktion und Figuration zugleich permanent präsent und stellen neue Beziehungen zwischen dem Menschen und der Welt her. Die Schilder verdeutlichen, daß sie gegenüber den archaischen wie zivilisatorischen Kultstätten zu neuen Archetypen unserer Weltsicht geworden sind. Als Ornament stellen sie aber zugleich ihren Inhalt in Frage.

Derartige Gemälde von Frau Grunow bilden ein notwendiges Gegenüber zu einer infolge ihrer visuellen Rhetorik im Ertrinken begriffenen Gesellschaft. Sie werden als Gegenpol zur Überflutung optischer Signale und zugleich als Ausweis der Gefährdung der Kulissierung unserer Städte und unseres Lebensraumes verstanden. Das Ornament des Kreises beispielsweise wird zu einem dynamischen Farbraum. Auch die bereits 1982 entstandene Straßenschlucht in New York muß hierzu gezählt werden. Farbzonen in unterschiedlichen Spatien halten die Materialität der Farbfläche in festen Grenzen und vermeiden jede Mischungsmodulation. Die räumliche Fixierung ist aufgehoben. Die Schlucht der Stadt ist auf eine nicht existente Ebene gebannt und damit sind auch die in New York allgegenwärtigen Feuerleitern zu einem Ornament geworden, das die Bildstreifen und die Flächenfarben in gegenständliche und durchaus assoziative Beziehung zueinander setzt. Frau Grunow malt New York, ebenso wie sie Australien malte, als sensitives Farbraumerlebnis, als optische Farbform, die das räumliche Struktursystem konsequent in Signale zerlegt. Es können geometrische, lettristische, struktive und ornamentale sein. Die Destination kann dabei offen bleiben, wie das beeindruckende Straßenbild mit der Laterne beweist, wo Teilflächen zu weiteren Flächen in Beziehung gesetzt werden und zugleich einen Gegensatz von abstrakten Farbfeldern und gegenständlichem Ornament bilden. Landschaften und Städtebilder sind bei Frau Grunow zu Feldern der Möglichkeit geworden.

Clemens Jöckle, Speyer

Oktober 1991